In dieser Episode des Potentiale Nutzen! Podcast sprechen Konstantin Kowalski und Stephan Buchhester darüber, wie sich unsere Arbeit – insbesondere im digitalen Umfeld – auf unsere körperliche und mentale Gesundheit auswirkt.

Der Fokus liegt diesmal nicht auf dem oft zitierten Begriff Resilienz, sondern auf einem Konzept, das noch tiefer ansetzt: Antifragilität. Während Resilienz darauf abzielt, belastbarer zu werden, geht Antifragilität einen Schritt weiter und sorgt dafür, dass bestimmte Stressfaktoren gar nicht erst als solche empfunden werden.

Dabei geht es um ganz konkrete Alltagserfahrungen: vom stundenlangen Sitzen vor Monitoren über den Mangel an Haptik im Homeoffice bis hin zu Strategien, um trotz hoher Anforderungen mental stabil zu bleiben.


Unsichtbare Etiketten im Berufsleben

Viele Berufsbilder bringen unbewusste „Etiketten“ mit sich. Als IT-Spezialist wird man oft automatisch mit Attributen wie „Mathe-affin“ oder „technikbegeistert“ assoziiert. Was jedoch selten im Blick ist, sind die physischen und psychischen Nebenwirkungen:

  • Körperliche Belastungen wie Rückenschmerzen oder Sehschwächen
  • Eingeschränkte Bewegung durch lange Bildschirmarbeit
  • Vereinzelung im Homeoffice durch reduzierte reale soziale Interaktion

Konstantin beschreibt seinen Alltag sehr plastisch: „Ich schätze, ich schaue bestimmt 14 bis 15 Stunden am Tag auf irgendein Display – ob Handy, iPad oder Monitor.“ Das ist nicht nur eine Frage der Augenbelastung, sondern auch der mentalen Balance.


Haptik als unterschätzte Ressource

Stephan weist auf einen interessanten neuropsychologischen Aspekt hin: Unser Tastsinn ist das erste Sinnesorgan, das sich in der Embryonalentwicklung ausbildet. In der virtuellen Arbeitswelt wird dieser Sinn jedoch oft vernachlässigt.

Früher war Arbeit häufig mit direktem Anfassen und Gestalten verbunden. Heute besteht ein Großteil der Tätigkeit aus intangiblem Output – also Ergebnissen, die man nicht sehen oder berühren kann.

Deshalb entwickeln viele Menschen Strategien, um Haptik in ihren Arbeitstag zu integrieren, etwa durch das Kneten von Stressbällen oder das bewusste Arbeiten mit greifbaren Objekten am Schreibtisch.


Mentale Gesundheit: Von Resilienz zu Antifragilität

Resilienz bedeutet, belastbarer zu werden und besser mit Stress umzugehen.

Das Konzept der Antifragilität geht jedoch einen entscheidenden Schritt weiter: Es zielt darauf ab, das eigene System so zu gestalten, dass bestimmte Stressoren gar nicht erst als belastend wahrgenommen werden.

Ein Beispiel aus der Episode:

  • Resilienz-Ansatz: Ein ITler lernt, mit dem Frust über „nicht greifbare“ Projektergebnisse umzugehen.

  • Antifragilitäts-Ansatz: Der ITler integriert haptische Elemente (z. B. Holzklötze) in seinen Arbeitsalltag, um dem Gefühl der Unwirklichkeit vorzubeugen.

Stephan beschreibt es so: „Nicht den Widerstand gegen den Stressor aufbauen, sondern das System so verändern, dass der Stressor seine Wirkung verliert.“


Strategien zur Stressprävention

Konstantin teilt seine persönlichen Methoden, um mental gesund zu bleiben:

  1. Visualisierung von Arbeitslast
    Er stellt sich seine tägliche Kapazität wie eine Flasche vor: Ist sie voll, kann nichts mehr hinein – und das ist in Ordnung.
    „Die können hunderte Liter Milch reinkippen wollen, aber wenn die Flasche nur einen Liter fasst, läuft der Rest eben über.“

  2. Frühe Priorisierung
    Bei Überlastung sucht er aktiv das Gespräch mit Kollegen: Was muss zwingend erledigt werden, und was kann warten?

  3. Klare Trennung von Beruf und Person
    Er definiert seinen Selbstwert nicht ausschließlich über seine Arbeit. Fehler oder unerreichte Ziele bedeuten nicht automatisch persönliches Versagen.

  4. Körperliche Bewegung und Natur
    Spaziergänge mit den Hunden, Gartenarbeit oder einfach auf dem Balkon sitzen helfen, Abstand zu gewinnen.


Person und Leistung trennen

Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die Unterscheidung zwischen Person und Position.
Auch wenn beruflich nicht alles nach Plan läuft, bleibt der eigene Wert als Mensch bestehen.
Stephan bringt es auf den Punkt: „Keiner bringt jeden Tag 100 % Perfektion. Niemand.“

Das eigene Umfeld spielt hier eine große Rolle. Kinder, Partner oder Freunde nehmen uns meist nicht in erster Linie als Berufstätige wahr, sondern als Menschen mit persönlichen Beziehungen und Eigenschaften.


Antizipation statt Reaktion

Der Schlüssel zur Antifragilität liegt in der Antizipation:

  • Frühzeitig erkennen, welche Situationen potenziell stressig werden könnten.
  • Das eigene Umfeld und Verhalten so gestalten, dass diese Stressoren gar nicht erst wirksam werden.

Ein anschauliches Beispiel ist die Temperatur im Studio während der Aufnahme: Bei 34 °C kann Hitze unbewusst Hektik erzeugen – allein das Wissen darüber hilft, den Effekt zu relativieren.


Fazit

Die Episode zeigt, wie wichtig es ist, den Blick über reine Resilienz hinaus zu richten.

Antifragilität bedeutet nicht nur, Stress besser zu ertragen, sondern Stressfaktoren so weit wie möglich zu neutralisieren, bevor sie entstehen.

Gerade in digitalen Berufen, in denen greifbare Arbeitsergebnisse selten sind, können kleine, haptische Routinen und eine bewusste Selbstorganisation den Unterschied machen.


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