PNP001 - Am Anfang des Jahres stehen die guten Vorsätze

Lesezeit: 22 Minuten

Herzlich Willkommen beim Potentiale Nutzen Podcast. Thema unserer ersten Episode ist der Anfang des Jahres und die damit verbundenen guten Vorsätze, die sich viele von uns vornehmen. Wir hinterfragen warum es eigentlich so schwer ist, die guten Vorsätze einzuhalten? Warum ist es so kompliziert, all die Dinge, die uns logisch und richtig und wichtig erscheinen, auch tatsächlich umzusetzen. Weniger Zigaretten, weniger Konsum, weniger Zucker, weniger Alkohol, weniger Arbeit und und und.

Wenn Du Fragen oder Anregungen zu unserem Podcast hast, schreib uns gerne eine E-Mail an hallo@potentiale-nutzen-podcast.de.

Nun aber viel Spaß mit der ersten Episode des Potentiale Nutzen Podcast!

Audio: PNP001 - Am Anfang des Jahres stehen die guten Vorsätze

Wenn Du unseren Podcast gerne unterwegs hören oder über eine andere Plattform abspielen möchtest, stehen Dir folgende Alternativen zur Verfügung:

Transkription: PNP001 - Am Anfang des Jahres stehen die guten Vorsätze

Konstantin: Herzlich willkommen zur ersten Episode des Potenziale nutzen Podcast. Wer hätte das gedacht? Zwei Jahre haben wir geplant, getüftelt, uns belesen und jetzt haben wir es wirklich geschafft, uns hier zu treffen und den ersten Podcast zu beginnen. Ich bin super stolz auf uns.

Stephan: Ich bin da vor allem stolz auf dich, denn zwei Jahre hast du geplant. Und zwei Jahre hast du recherchiert, und schließlich die Technik besorgt. Zum Schluss hast du mir einen Termin eingestellt und gesagt: “Da bin ich”. Ich bin auch der Meinung, dass wir die erste Episode feiern sollten.

Konstantin: Zwei Jahre Planung heißt ja auch durchdenken. Das ist ein Prozess, den wir durchlebt haben. Für mich persönlich war der Prozess super schmerzvoll. Wir hatten uns das Ziel gesetzt, gemeinsam einen Podcast aufzunehmen und wollten schnell in die Umsetzung gehen. Ich habe mir einen groben Plan erstellt und abgearbeitet. Immer wenn ich dachte: “Jetzt habe ich’s, jetzt ist die Technik die richtige, jetzt können wir einkaufen gehen, fand ich immer wieder einen neuen Review, erlangte weitere Erkenntnisse oder es erschien ein neues Mikrofon mit besseren Leistungsparametern. Dann habe ich die Kaufoptionen erneut überdacht und die Entscheidung verzögerte sich weiter. Für mich steht das Ganze nach zwei Jahren unter folgendem Motto: “Was lange währt, wird endlich gut”.

Stephan: Kalendersprüche sind tatsächlich genau mein Thema. „Was lange währt, wird endlich gut.“ Ich könnte ja behaupten, ich habe auch immer andere Podcasts gehört, weil ich gedacht habe, vielleicht bringt ein anderer schon die Themen, die wir im Podcast behandeln wollen.

Konstantin: Was hat deine Recherche ergeben? Immerhin sitzen wir hier.

Stephan: Das zitieren von Kalendersprüchen, zu sagen warum gute Vorsätze gut sind und was man davon hat ist eben nicht das, was ich von unserem Podcast erwarte. Wir haben den Anspruch, dass es sowohl wissenschaftlich, als auch humoristisch und verständlich sein soll. Wenn ich deinen Kalenderspruch durchdenke stellen sich mir folgende Fragen:

• Was motiviert uns nachzudenken, zu recherchieren? • Unterscheiden sich Menschen darin? • Wie unterscheiden sie sich? • Gibt es Persönlichkeitstypen, die stärker recherchieren, länger recherchieren? • Entsteht dabei vielleicht eine Art Trugschluss unseres Gedächtnisses nach dem Motto: “Wenn ich schon ganz viel Speicherplatz mit all den Gedanken, die ich mir gemacht habe reserviere, dann muss ich auch irgendwann glauben, dass es tatsächlich gut ist

Ich glaube, da sind viele Facetten in dem Thema, die wir uns in Ruhe angucken können.

Konstantin: Ich glaube, das kommt auch darauf an welchen Beruf man ausübt. Für uns Informatiker ist Planung die halbe Miete. Sicherlich müssen auch wir spontan reagieren können. Natürlich müssen wir Probleme schnell analysieren und eine Lösung anbieten. Manchmal reicht es in der Kürze der Zeit nur für einen Workaround. Aber an und für sich kannst du in einem großen Unternehmen, bei einem Exchange Server oder anderen wichtigen System nicht einfach ungeplant handeln. Planung gibt Sicherheit.

Stephan: Wir hatten ja über Verständlichkeit gesprochen. Was ist denn so ein Exchange Server?

Konstantin: Der Exchange Server ist das Herzstück der E-Mail-Kommunikation. E-Mails gehen ein, werden an den richtigen Empfänger versendet und gespeichert. Der Server ist das Herz der E-Mail-Kommunikation.

Stephan: Jetzt passiert genau das, was Kalendersprüche untermauern. Was schätzt du wie viele Milliarden E-Mails täglich versendet werden, schätzt doch mal?

Konstantin: 100 Milliarden würde ich jetzt sagen. Ob das stimmt? Keine Ahnung.

Stephan: Es gehen ungefähr 70 bis 80 Milliarden E-Mails am Tag um die Welt. Was bedeutet, dass dieser Speicher natürlich immer wichtiger wird, weil wir ihn täglich benutzen. Folglich wird ein Gedanke im Gedächtnis, wenn er immer mehr Speicherplatz benutzt auch immer wichtiger. Wir müssen irgendwann aus Gründen der Psychohygiene entscheiden: “Es muss ja ein guter Gedanke sein, sonst hätte er ja nicht so viel Speicherplatz benutzt”. Wenn du bei deiner Planung und deiner Recherche jeden Tag darüber nachdenkst, welche Technik möchte ich einsetzen, wie kann ich es noch besser machen, heißt das auch, dass du in deinem Gehirn immer mehr Speicherplatz dafür benutzt und es immer präsenter wird. Du hast plötzlich Bilder davon. So etwas nennen wir unseren visuellen Notizblock. Du hast viele spezifische Begrifflichkeiten in deinem semantischen, also dem Wort-Gedächtnis sowie episodische Informationen. Dir fallen Momente ein, in denen du am Rechner gesessen hast und recherchiert hast. Dir fällt der Moment ein, wo du das Mikrofon gekauft hast. Viele dieser verschiedenen Informationen werden in deinem Gehirn abgespeichert. Unser Gehirn sagt dann irgendwann: “Hey, die Idee muss ja richtig gut sein, wenn ich schon so viel Speicherplatz dafür verbraucht habe”. Das ist quasi ein sich selbst bestätigendes System. Wenn wir heute Briefe schreiben würden, dann würde wahrscheinlich irgendwann das System der Postkutsche wieder an Bedeutung gewinnen.

Konstantin: Das würde für mich umgekehrt bedeuten, wenn wir bei dem Beispiel der Postkutsche bleiben, dass die Postkutsche sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiterentwickelt hätte. Verstehe ich das richtig?

Stephan: Stell dir vor, du möchtest heute jemandem eine ganz besondere Botschaft schicken und eben nicht eine E-Mail. Das Besondere unterscheidet sich ja genau dadurch, dass es eben nicht diese Präsenz im Gehirn hat, nicht die Häufigkeit des Auftretens. Du schreibst einen Brief. In ein paar Jahren wird es so sein, dass ein Brief zu bekommen etwas so außergewöhnliches, Besonderes ist, dass sich auch die Art und Weise des Briefe Schreibens weiter entwickeln wird. Wir sind ja inzwischen weit weg davon, dass wir tatsächlich Briefe per Hand schreiben. Wir sind auch ein Stück weiter, da wir Postkarten virtuell beschreiben und diese dann postalisch verschickt werden. Das heißt der Kalenderspruch, was lange währt wird endlich gut, trifft nicht unbedingt zu. Ich würde sagen: „Was lange währt zeigt uns was in der Vergangenheit gut war.“

Konstantin: Das finde ich einen interessanten Gedanken. Lass uns doch nochmal zurück kommen auf den Brief. Wann hast du deinen letzten Brief geschrieben?

Stephan: Meinen letzten Brief habe ich vor 14 Tagen geschrieben. Es war ein Beschwerdebrief, weil ich tatsächlich davon überzeugt bin, dass beim Empfänger die Dringlichkeit meines Anliegens viel deutlicher ankommt, wenn ich das per Hand schreibe und somit übermittle, dass diese Botschaft mir so wichtig ist, dass ich mir tatsächlich die Zeit für einen handschriftlichen Brief nehme. Goethe hatte mal an Schiller geschrieben: “Ich habe leider keine Zeit, dir einen kurzen Brief zu schreiben, deshalb schreibe ich dir einen langen”. Etwas kurz und prägnant zu fassen, etwas spontan zu tun kann viel authentischer sein, als etwas nach langer Vorbereitung irgendwie abzuwickeln. Aber ich würde gerne noch mal auf das Anfangsthema zurückkommen. Was hat dich denn motiviert zu diesem Podcast?

Konstantin: Man hört ja immer wieder, dass Audio das neue Medium ist. Das bestätigen die vielen Podcasts. Ich bin überzeugt das es weiterhin sehr wichtig ist über die Dinge die uns bewegen zu sprechen. Die heutige Zeit ist so schnelllebig, dass meist nur noch sehr kurze Infos ausgetauscht werden. Man nimmt sich nur noch wenig Zeit für Dinge, wie wir es bereits bei dem Beispiel des Briefs festgestellt haben. Ich wollte in meinem Leben Entschleunigung durch das podcasten erreichen. Wir verabreden feste Termine in denen wir unseren Podcast aufnehmen. Durch diese Regelmäßigkeit komme ich zur Ruhe. Da erlebe ich schöne Momente, da besprechen wir Dinge. Da bin ich nicht getrieben von irgendwelchen für andere, sondern tue in dieser Zeit etwas für mich und meine Interessen. Den Podcast mache ich auch für mich.

Stephan: Also war Zeit ein Treiber?

Konstantin: Zeit war auf jeden Fall ein Treiber. Weiterhin ist neue Technik ist immer schön. Und der Podcast legitimiert mich schlussendlich dazu neu Dinge zu erwerben und sich das eine oder andere Gadget zu kaufen. Weiterhin reizt mich die Herausforderung. Ich beschäftige mich gerne mit dem technischen Aspekt. Das es am Ende ganze 2 Jahre dauert, hätte ich natürlich nicht gedacht.

Stephan: D.h. so ein Prozess ist in deiner Welt umso besser, je länger er dauert?

Konstantin: Ja, das kommt darauf an. Es gibt Dinge, die finde ich unheimlich toll, wenn sie super lange andauern, wenn man die Sachen weiterentwickeln kann. Etwas dazu kaufen kann. Fotografie ist ein super Beispiel. Du kannst dein Equipment über viele Jahre, beispielsweise durch weitere Objektive, kontinuierlich erweitern. Aber es gibt natürlich auch Themen, die mich unheimlich nerven, wenn sie lange andauern. Wenn man auf etwas wartet. Ich weiß nicht, ob du das kennst.

Stephan: Stehst du immer an der falschen Kasse?

Konstantin: Das nicht. Zum Glück. Aber wenn ich mir etwas für mich bestelle, was ich mir unheimlich wünsche, wo ich mich total darauf freue, dann dauert das prinzipiell sieben Tage länger.

Stephan: Das was du jetzt beschrieben hast, ist in der Psychologie ein ganz wichtiges Phänomen. Du hast beschrieben, was dich motiviert und du hast beschrieben, wie dieser Motivationsprozess abläuft. Da gibt es eine Menge ganz fantastischer Ideen im Bereich der Inhaltstheorien. Was dich motiviert kann das Thema Zeit sein. Es können sogenannte Hygienefaktoren sein, also Dinge, die dich wirklich befriedigen. Es gibt die Idee, dass wir tatsächlich für unsere unterschiedlichen Bedürfnisse, ob das Essen und Trinken oder ob das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist verschiedene Faktoren haben, die das “Was” beschreiben. Was dich motiviert.

Das zweite sind die Prozesse Theorien. Darin geht es um die Frage: “Wie läuft denn die Motivation eigentlich ab?” Es gibt zwei Ansätze, die ich persönlich total spannend finde. Der erste steht für das was du eben beschrieben hast. Vom Moment der Entscheidung das du einen Podcast aufnehmen möchtest, hast du dich über viele kleine Stationen, wie beispielsweise das Kaufen der Technik, immer wieder selber für diese Idee belohnt.

Du hattest das Ziel die Zeit ein bisschen anzuhalten oder zu verlangsamen. Du wolltest dem Alltagsstress entgehen. Du wolltest dir Technik kaufen. Und alle diese Ziele hast du dann zusammengefasst in dem Thema Podcast. Offensichtlich hast du schon einmal die Erfahrung gemacht, dass so ein Projekt geeignet ist, deine Ziele zu erreichen. Das sind die sogenannten Erwartungswertansätze. Ich habe Erwartungen, was ich tun muss, um wertvolle Ziele zu erreichen. Es gibt einen weiteren Ansatz, der hat einen ganz tollen Namen. Er nennt sich Rubikon. Ich kann mich noch ziemlich genau an den Moment erinnern, wo du mich angerufen hast und gesagt hast: “Hey, wollen wir zusammen nicht einen Podcast aufnehmen?” Ich hatte gesagt: “Das ist eine prima Idee”. Da war bei uns der Abwägungsprozess überschritten und dann war nicht mehr die Frage ob wir zusammen einen Podcast aufnehmen, sondern wie lange es brauchen wird, damit es in deiner Welt gut ist. Bei mir lief das völlig anders ab. Für mich ist nicht entscheidend: “Was lange währt ist gut”, sondern eher der Moment aus dem aus der Spontanität die Authentizität entsteht.

Konstantin: Ich weiß nicht, ob du das kennst - es gibt Dinge, die wünscht man sich. Ziele, auf die man hinarbeitet. Und dann gibt es noch Dinge die muss man unbedingt machen. Mir fällt da die Steuererklärung ein. Ich muss unbedingt noch die Steuererklärung fertigstellen. Das ist super wichtig. Das sollte normalerweise hoch priorisiert werden. Irgendwie gelingt es mir immer nur sehr schwer mich dafür zu motivieren. Das lässt sich auch auf weitere Themen wie beispielsweise das Fitnessstudio übertragen.

Kannst du mir sagen wieso es mir nur schwer gelingt, solche Themen einfach anzugehen? Ich rede mir auch gerne ein, dass ich vorher oftmals noch andere Themen angehen muss, um den beginn heraus zu zögern. Oft nehme ich dafür als Ausrede die Bedürfnisse der Anderen oder die Erwartungen der anderen an mich. Getreu dem Motto: „Heute habe ich keine Zeit. Heute muss ich Podcast machen.“ Das geht dann meist über Tage so weiter. Morgen habe ich auch schon einen Termin. Es wird Freitag. Und am Freitag ist dann Wochenende, da geht man dann einkaufen. Danach geht das Wochenende schnell vorbei und nächsten Montag sage ich mir: “Diese Woche schaffst du es, du gehst die Steuererklärung an!” Wie komme ich aus diesem Kreislauf heraus und woher kommt das überhaupt, dass man so wichtige Dinge einfach verschiebt?

Stephan: Das hast du vom Prinzip her schon gut auf den Punkt gebracht. Wir leben von dem, was wir in unserer Vergangenheit getan haben. Wir stellen uns die Frage: “Beginne ich etwas Neues oder wiederhole ich die Vergangenheit?” Die Wiederholung der Vergangenheit ist viel sicherer, viel einfacher für uns, weil wir genau wissen, wo wir ankommen. Das kannst du dir ungefähr so vorstellen, als wenn du hungrig in den Laden gehst. Du möchtest Dir etwas zu essen kaufen. Es ist dann für dich einfacher, wenn du zur Dose Ravioli greifst, weil du in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hast, Ravioli Dose aufessen, fertig. Unwahrscheinlicher ist, dass du langsam durch die Gemüseabteilung schlenderst und überlegst, was du kochen könntest. Möglicherweise sogar irgendetwas Neues, was du noch nicht gekocht hast. Das heißt, der Rückgriff auf unsere Vergangenheit ist viel, viel einfacher, als das Antizipieren von Zukunft. Das Zweite und da nehme ich jetzt Bezug zu deiner Steuererklärung, ist der unmittelbare Nutzen. Der Nutzen der Steuererklärung, der tritt ja nicht in dem Moment, wo du sie erstellt hast auf, sondern erst viel später. Erst wenn Dir die Antwort vom Finanzamt vorliegt.

Konstantin: Ob das ein Nutzen ist, weiß ich jetzt auch nicht. Ich nehme mit – da ich die letzten die Steuererklärung immer auf den letzten Drücker abgegeben habe und das funktioniert hat, fällt es mir so schwer, aus diesem Muster auszubrechen.

Stephan: Exakt, weil du dafür belohnt worden bist, es auf den letzten Drücker zu machen. Und hast dich durch all die anderen Tätigkeiten belohnt. Wie mit dem Podcast. Du hast die Erfahrung gemacht, dass du die Steuererklärung auch im letzten Moment erstellen kannst und die Zeit davor mit schöneren Dingen füllst. Vielleicht hängt es aber auch mit deiner Persönlichkeit zusammen. Es gibt ja unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Ausprägungen von Verhaltenstendenzen. Es gibt Menschen die eher dazu tendieren. Wir nennen das dann Handlungs- oder Lageorientiert zu sein. Gemeint sind Menschen, die eher Lust haben, Dinge zu verändern, aktiv sein, unterwegs zu sein. Denen gegenüber stehen Menschen, die eher Bewahrer sind. Jemand der die Steuererklärung sofort macht, der sich ran setzt und loslegt, der möchte das Thema einfach vom Tisch haben. Los geht’s. Er riskiert aber natürlich auch, dass eher Fehler enthalten sind. Jemand, der die Steuererklärung länger durchdenkt und noch Belege sucht, Rücksprache hält, wird natürlich länger dafür brauchen. Dafür wird sie wahrscheinlich auch genauer sein. Es gibt auch den Ansatz zu sagen, dass Steuererklärung Schicksal ist. Nicht das Ausfüllen der Erklärung, sondern dass, was am Ende als Ergebnis dabei rauskommt. Es ist total egal, ob du die Steuererklärung gleich machst oder später, es wird am Ergebnis nichts ändern.

Konstantin: Das unterschreibe ich! Was kann ich denn jetzt tun, damit ich einfach das Ding abhake? Das ich aus dem gewohnten Muster ausbreche? Die Steuererklärung ist nur ein Beispiel von vielen. Ich habe seit zwei Jahren eine Mitgliedschaft im Fitnessclub und war noch nicht einmal dort. Ich schiebe das auf Corona, ganz klar. Ich hatte einfach nie die Chance. Sobald die Fitnessstudios offen haben, werde ich wahrscheinlich beruflich zu viel zu tun haben.

Stephan: Klar. Aber wann hast du dir denn vorgenommen, in den Fitnessclub zu gehen?

Konstantin: Ich glaube, das lief wie bei vielen Leuten ab. Nach dem guten Weihnachtsbraten hat man irgendwann gesagt: “Okay, dieses Jahr werde ich aktiver sein.” Ich möchte mich mehr bewegen, ich will mehr an der frischen Luft sein. Im Januar und Februar ist es immer ziemlich kalt und windig. Da ist so ein kuscheliges Fitnessstudio vielleicht gar nicht so verkehrt. Außerdem was es ein Schnäppchen. Kostet ja nicht viel.

Stephan: Na klar. Tatsächlich ist dieses Thema mit den Vorsätzen deshalb so schwierig, weil wir sie zu so herausragenden Momenten treffen. Weihnachten. Silvester. Du könntest jeden Tag mit den guten Vorsätzen anfangen. Der Jahreswechsel ist nur eine kalendarische Frage.

Konstantin: Das ist wie mit den Kalendersprüchen. Das gibt es schon immer. Damit wachsen wir auf. Es gibt diese Weisheiten und es ist auch immer schon so, dass man sich für das neue Jahr Ziele vornimmt. Das bekommt man ja auch von seinen Eltern mitgegeben.

Stephan: Genau deshalb ist es so schwierig. Wir haben gefestigte Verhaltensweisen. Du hast dein Essverhalten, dein Einkaufsverhalten, die Art und Weise, was du isst, wie du isst. Jetzt stell dir vor, du nimmst dir Silvester vor: “Ab heute rauche ich weniger. Esse ich weniger Zucker und gehe ins Fitnessstudio.” Dann hast du zwar diese große Vornahme, die aber auch unmittelbar an Silvester geknüpft ist. An ein herausragendes Ereignis. Jetzt braucht es nur einen kleinen Verstoß gegen deine Vorannahme, gegen deinen Vorsatz und du wartest 365 Tage, bis wieder Silvester ist. Der erste Schritt wäre, dir das nicht an Silvester vorzunehmen, sondern an einem beliebigen Tag, ab Montag. Und wenn du es Montag nicht schaffdt, dann beginnst du am Dienstag erneut damit.

Konstantin: Oder ich verfalle in ein ähnliches Muster. Ein Montag ist weg, bleiben noch 52.

Stephan: Bleiben noch 52 Montage, aber das sind auf jeden Fall 51 Montag mehr als es Silvester gibt.

Konstantin: Ja, die Chance des schlechten Gewissens ist auf jeden Fall größer. Das sehe ich ein.

Stephan: Exakt. Tatsächlich ist es so, wenn wir unser Verhalten ändern wollen, dass es ein ganz langwieriger Prozess ist. Wenn wir diese Verhaltensänderung an ein ganz herausragendes Ereignis knüpfen, dann braucht es nur einen kleinen Verstoß. Das heißt, wir fühlen uns irgendwie schuldig, weil wir es nicht geschafft haben, weil wir nochmal eine geraucht haben oder doch Schokoriegel gegessen haben. Da Silvester erst Ende des Jahres wieder vorkommt, macht es auch keinen Sinn, sich dieses Ereignis für eine Verhaltensänderung zum Anlass zu nehmen.

Es gibt tolle Untersuchungen dazu, wann eine Ehe tatsächlich Bestand hat. Wenn Menschen lange zusammen sind bevor sie heiraten oder wenn Menschen nach kurzer Zeit heiraten. Was glaubst du , wo besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Ehe?

Konstantin: Ich glaube bei Leuten, die einfach schneller heiraten.

Stephan: Richtig. Denn jetzt stell dir vor, man ist schon so lange zusammen und dann trifft so ein ganz bedeutsames Ereignis ein. Ob wir das so formulieren oder nicht, ob man das seinem Partner, seiner Partnerin sagt oder nicht, irgendwie besteht mit so einem bedeutsamen Ereignis natürlich auch die Idee einer Veränderung. Wenn man schon so lange zusammen ist, gibt es gar keine Veränderung, das heißt, es gibt ein bedeutsames Ereignis, aber es bleibt alles beim Alten. Daraus resultiert dann eventuell eine Enttäuschung. Das wäre so, als wenn der Weihnachtsmann plötzlich inmitten des Jahres vor deiner Tür steht und sagt: “Ich wollt nur mal gucken wie es dir geht.”

Konstantin: Also wäre deine Empfehlung zu sagen: “Leute, wenn ihr lange und glücklich in einer Partnerschaft zusammen seid, heiratet nicht?”

Stephan: Genau. Seid doch weiterhin glücklich, wie es ist. Versucht kein herausragendes Ereignis zu schaffen, was irgendwie bei einem von beiden eben doch an eine Erwartung geknüpft ist. Wenn ihr lange glücklich zusammen seid, dann „heiratet“ meinetwegen einmal im Monat, in dem ihr Essen geht und euch was Schönes gönnt, Zeit miteinander verbringt.

Konstantin: Ich würde dem Thema gerne noch einen weiteren Aspekt hinzufügen. Es gibt entscheidungsstarke und entscheidungsschwache Menschen. Ich treffe recht schnell Entscheidungen, auch spontan. Die sind nicht immer klug. Und dann bin ich auf einmal Mitglied im Fitnessstudio, weil ich mich innerhalb von zwei Tagen dafür entschieden habe. Ich habe mir schnell ein Fitnessstudio rausgesucht und ein Abo abgeschlossen. Ich bin superschnell vom Denken in die Handlung gegangen. Die schnelle Entscheidung war in diesem Fall nicht optimal.

Stephan: Nimm doch nochmal dieses Sprichwort: “Was lange währt, wird endlich gut.” Wenn ich mir deine Fitnessstudioaktion angucke, dann sind ganz viele verschiedene Aspekte da drin. Zum einen hast du selber gerade gesagt, es ist ein Abo. Das heißt, du bemerkst gar nicht mehr, wie dieser schmerzhafte Moment des Geldausgeben eintrifft. Das passiert automatisiert. Es gibt Untersuchungen zu folgender Frage: “Wann haben Menschen den größten Schmerz beim Einkaufen?” Die Untersuchung ergab, dass Sie die größte Freude hatten, wenn sie die Ware auf dem Einkaufsband sehen. Deshalb sind diese auch so lang. Damit kann man seine ganze Ware noch einmal sehen und sagt sich: “Wow, ich kann mir richtig etwas gönnen!” Und den größten Schmerz haben wir in dem Moment wo wir bezahlen.

Konstantin: Ja logisch.

Stephan: Genau, kurz vor dem Moment bevor ich bezahle, habe ich die größte Wahlfreiheit. Und in dem Moment wo ich aber gekauft habe, ist die Wahlfreiheit am kleinsten, weil ich dort das Geld ausgegeben habe. Und deshalb ist der Teil hinter der Theke auch so extrem kurz, weil niemand lange die schmerzhaften Gesichter sehen will. Also wir sind tatsächlich schon gut darauf aus, wenn man sich unsere Konsumsituation anguckt, den Genuss sehr lange zu haben und den Schmerz relativ kurz. Und genau das passiert bei deinem Fitnessstudio ja auch. Wenn du mich fragst: “Was kann ich jetzt anders machen?” Macht doch einfach mal folgendes. Hänge dir die 25 Euro in die Wohnung. Irgendwo in kleinen Scheinen oder in Münzen. Jeden Tag, wenn du diese Münzen nicht benutzt, um Sport zu machen legst du 1 Euro dahin. Wenn du aber Sport machst, kannst du dir den Euro nehmen. Dann wirst du merken, dass du viel häufiger anfängst, Sport zu machen, als kein Sport zu machen. Weil dann fängt es an weh zu tun. Das Fitnessstudio lebt ja aber davon, dass viele Mitglieder bezahlen, aber keiner kommt.

Das heißt, wir müssen uns diesen Prozess der Entscheidung viel deutlicher machen. Wir müssen uns diese Verhaltensänderung transparent machen. Die muss uns klar sein. Die müssen wir sehen, die müssen wir spüren, die müssen wir anfassen können. Du hast ja vorhin gesagt, was lange währt wird endlich gut, dann spielt ja auch diese Frage des gut seins oder gut Werdens eine ganz wichtige Rolle. Wann ist es denn gut? Warum können wir so locker darüber reden, dass du Geld ausgibt für ein Fitnessstudio und das du nicht gehst? Hast du eine Idee, warum das eher witzig ist als peinlich?

Konstantin: Ich glaube, ich bin nicht der Einzige auf dieser Welt, dem das so geht! Uns kann hier keiner sehen und wir auch keinen Hörer, aber eigentlich wäre das jetzt der Moment zu sagen: “Daumen hoch, wenn es Euch auch so geht wie mir!” Du hast das schon ganz gut beschrieben. Zum einen ist es einfach eine monatliche Abbuchung, zum anderen muss es ja nicht aus dem Portemonnaie nehmen. Das ist einfach vom Konto runter und ich bekomme die Abbuchung auch nicht wirklich mit.

Stephan: Aber darauf setzen ja die Fitnessstudios und alle anderen Abos genau. Es wird noch günstiger, wenn du ein Jahresabo nimmst. Wenn dieses Abo Dir jeden Tag abgebucht werden würde, jeden Tag ein kleiner Betrag, würdest du auch jeden Tag den Schmerz spüren und daran erinnert werden, dass du schon wieder Geld für ein Fitnessstudio ausgegeben hast, in das du gar nicht gehst. Der Jahresbeitrag ist meistens noch ein bisschen günstiger und so taucht der Schmerz genau einmal auf. Und genau dieses eine Mal nimmt man sich dann vor: “Jetzt gehe ich ins Fitnessstudio!“ Und bleibt zu Hause. Ich finde es total gut, was du gesagt hast. Daumen hoch, wem es auch so geht! Wir sind natürlich auch in einer Community, in einer Gesellschaft, wo genau dieses Beispiel total akzeptiert ist. Und insofern ist das ein ein ganz wichtiger Schlussaspekt zu sagen: “Solange wir mit dem Verhalten oder der nicht erfolgten Verhaltensänderung ganz viele Gleiche haben, die ebenfalls rauchen, die ebenfalls ganz viel Zucker konsumieren, die ebenfalls trinken, die ebenfalls all die Dinge tun die wir uns eigentlich abgewöhnen wollen. Euch, die ihr den Podcast hört, oder Dir, der du dir da jetzt vornimmst, vielleicht dein Verhalten zu verändern, schärft den Blick und guckt auf diejenigen die ihr Verhalten ändern. Das wäre der erste, wichtige und gute Schritt das mal anders zu machen.

Konstantin: Ein schönes Schlusswort. Wir wollen es ja auch nicht in die Länge ziehen. Wir hatten gesagt, 30 Minuten soll es nicht übersteigen. Wir haben uns Ziele gesetzt. Und wenn es jetzt auch für die erste Episode das 30 Minuten Ziel ist. Das halten wir jetzt ein. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.


Prof. Dr. Stephan Buchhester

Prof. Dr. Stephan Buchhester

Inhaber "Institut für Verhaltensökonomie" & Professor für Wirtschaftspsychologie an der FOM Hochschule in Leipzig. Sein Motto - Wenn aus dem Müssen ein Wollen wird, ergibt sich das Können.

Tags